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Auch heute noch passiert es mir. Der Kalender quillt über. In meiner Begeisterung für das, was ich tue, lade mich zu voll —mit Projekten, mit Terminen. Nachts wache ich auf und grüble über das, was tagsüber keinen Platz hatte. Mein Rücken meldet sich. Ich werde fahrig, unleidlich. Früher war es schlimmer. Da wirkte ich wie ein Geist.

Der Rat war immer derselbe: Schlaf mehr. Treib Sport. Lade dich auf. Also habe ich Routinen etabliert. Morgenrituale. Bewegung. Alles richtig. Und trotzdem blieb etwas leer.

Bis ich ihr begegnete.

In einer Coachingausbildung. Eine Übung: Welcher kindliche Anteil ist gerade in dir präsent? Ein Bild stieg auf. Ein kleines Mädchen. Grauer Garagenhof. Mutterseelenallein. Es ruft. Lange kommt niemand. Dann, irgendwann, eine Stimme aus dem fünften Stock. Ich habe jetzt keine Zeit. Geh spielen.

Ich erkannte die Stimme sofort.

Es war meine.

Das ist Eigenverantwortung — oder, besser gesagt, ihr Fehlen.

Nicht im Sinne von: Du übernimmst Verantwortung. Denn das tust du. Jeden Tag aufs Neue.

Es geht um Eigen-Verantwortung im tieferen Sinne: Ich übernehme die Verantwortung für mich. Ich sorge dafür, dass es mir gut geht — nicht als Mittel zum Zweck, sondern weil ich es mir schulde.

Das ist die Eigenverantwortung, die die meisten High Performer nie gelernt haben. Und es ist die Eigenverantwortung nach Innen, ohne die jede Verantwortung im Außen hohl bleibt.

Was du dir selbst vorenthältst

Du hast in den letzten viel an deiner inneren Aufstellung gearbeitet. Doch zur Eigenmacht wird das erst, wenn du in die Verantwortung gehst — auch und gerade für dich selbst.

Ich kenne das. Auch ich hatte mich jahrelang reflektiert. In allen Facetten. Routinen etabliert, die meine Energie erhalten sollten. Aber irgendetwas ging nicht auf. Trotz all meines Wissens fiel es mir schwer, aus vollem Herzen Verantwortung für mein Wohlergehen zu übernehmen.

Was mir fehlte, war nicht Disziplin. Es war der Kontakt zu einem Anteil, den ich nie wirklich angeschaut hatte — und der als unerfüllte Sehnsucht in mir blieb. Ich nenne es das zurückgelassene Ich.

Auch du hast sicher einen solchen Anteil. Eine Sehnsucht, deren Erfüllung, dich ganz machen würde. Wenn du endlich Verantwortung für sie übernimmst.

Dein zurückgelassenes Ich lebt außerhalb der Zeit. Du erfährst es als stille Sehnsucht oder unbestimmte Unzufriedenheit. Als etwas, das fehlt. Alles könnte gut sein. Ist es aber nicht. Jedenfalls nicht, solange du es weiterhin übersiehst.

Bei mir war es das einsame Ich. Wer ist es bei dir?

  • Das verspielte Ich, das endlich mal ohne Agenda leben will — und dem du zurufst: Hör auf. Du hast Verantwortung. Das hier ist keine Zeit für Spielerei.
  • Das trotzige, wütende Ich, das mit dem Fuß aufstampft — und das du zurechtweist: Reiß dich endlich zusammen. Die anderen schauen auf dich.
  • Vielleicht sogar das weise Ich, das längst weiß, was du brauchst — und dem du kühl erklärst: Du bist naiv. Das geht nicht, du weißt doch, wie es wirklich läuft.

Egal was dein zurückgelassenes Ich ausmacht — du bringst es effizient und ohne große Szene zum Schweigen. Doch sein Schweigen bedeutet nicht, dass es verschwunden ist. Es wartet. Und solange es wartet, fehlt dir etwas. Etwas, das du mit keiner der üblichen Selbstfürsorgeroutinen ausgleichen kannst — nicht mit Schlaf, nicht mit Sport und nicht mit dem besten Wellnessprogramm der Welt.Solange du dein zurückgelassenes Ich draußen vor der Tür stehen lässt, wirst du dich immer ein bisschen leer und unvollständig fühlen.

Diese Ganzheit ist echte Eigenverantwortung —
und die Grundlage reifer Eigenmacht.

Kein Platz für dich

Das zurückgelassene Ich kommt nicht von ungefähr.

Es geht zurück auf deine frühe Prägung und die Genese deiner Schutzmuster. Das natürliche Recht eines jeden Kindes, einfach für sich geliebt und umsorgt zu werden, galt bei dir eventuell nicht:

  • Im Kampf hattest du ein Recht auf Fürsorge — wenn du genug geleistet hattest. Die Messlatte dafür hat sich mit der Zeit immer weiter nach oben verschoben.
  • Im Erstarren kamst du dran, wenn alle anderen versorgt waren. Doch in deinem Umfeld gibt es immer Menschen, die etwas brauchen.
  • In der Flucht hat sich die Frage gar nicht erst gestellt. Wer sich selbst entzieht, um den kann man sich nicht kümmern.

Diese Erfahrungen hast du dir heute zu eigen gemacht. Du stellst den Anteil in dir zurück, der ein Anrecht auf unbedingte Liebe und Fürsorge hat. Echte Selbstfürsorge hast du nie gelernt. Schlimmer noch: Sie fühlt sich falsch an. Wie Schwäche oder Aufgeben.

Was du stattdessen tust, ist Funktionspflege. Du stellst sicher, dass du gut funktionierst — Morgenrituale, regelmäßige Bewegung, gesunde Ernährung. Alles im Dienst deiner Leistungsfähigkeit. Oder deine Selbstfürsorge läuft auf demselben High-Performance-Level wie dein übriger Alltag: Marathon, Extremsport, Eisbaden. Intensiv und messbar. Ausgleich und Entspannung ist das nicht — es ist Leistung in einem anderen Trikot. Oder du holst dir schnelle neue Kicks, die dich von dir ablenken: weite Reisen, immer neue Hobbies.

All das fühlt sich an, als würdest du etwas für dich tun. Und irgendwie stimmt das sogar. Doch du tust es für den Teil von dir, der bereits versorgt ist — den Performer, den Pflichterfüller, den Getriebenen. Aber nicht für dein zurückgelassenes Ich.

Damit behandelst du dich nach demselben Prinzip, gegen das du dich früher behaupten musstest: Du kommst erst dran, wenn alles andere erledigt ist. Doch das ist nie der Fall. Solange die Stimme aus dem fünften Stock deine eigene ist — bleiben alle Erkenntnisse, die du in den letzten Kapiteln gewonnen hast, abstrakt. Du weißt, wer du bist. Aber du bist nicht bei dir.

Echte Eigenverantwortung gilt für beide.
Für dich als Erwachsene — und für dein zurückgelassenes Ich.

Umgekehrt wird ein Schuh daraus

Eigenverantwortung — das Wort selbst trägt den Schlüssel: Eigen bedeutet: aus dir heraus. Aber eigen bedeutet auch: für dich.

Beides gehört zur Eigenverantwortung. Das erste tust du täglich. Du übernimmst von dir aus Verantwortung — ohne jegliche Impulse von aussen. Das kannst du aus dem effeff. Doch die zweite Seite, die echte Selbstfürsorge — hast du dir bisher nicht zugestanden.

Wenn du deine Eigenverantwortung ernst nimmst, änderst du das ab jetzt.

Die zurückgelassene Dorothea im grauen Garagenhof braucht keine perfekte Morgenroutine. Keinen aufregenden Abenteuerurlaub. Sie braucht mich. Die große Dorothea. Die sich Zeit nimmt und zuhört. Die nicht von Termin zu Termin rennt.

Es geht das bewusste Gewahr werden: Ich sehe dich. Ich sehe, dass du dich gerade allein fühlst. Und ich bin bei dir.

Bei Kindern gibt es dafür einen Begriff: Quality Time. Keine verplante Aktivität oder besondere Erlebnisse. Einfach nur volle, agendafreie Präsenz. Dem Kind in dem begegnen, was es gerade bewegt. In seinem Tempo. Das ist der Moment, in dem das Kind erlebt: Ich werde gesehen. Ich bin wichtig. Ich muss nichts leisten, um Zuwendung zu bekommen.

Für dich heißt Quality Time: Du richtest deine Aufmerksamkeit auf das, was dir bisher gefehlt hat. Nicht auf das, was funktioniert, sondern auf das, was still wartet. Das ist bei jedem anders — weil das zurückgelassene Ich bei jedem anders aussieht.

Bei mir ist es die Verbundenheit mit mir selbst. Der Moment, in dem ich nicht mehr einsam bin — weil ich bei mir bin. Das kann ein stiller Spaziergang sein. Ein Tagebucheintrag. Einfach dasitzen und spüren, was gerade da ist.

Wer sein verspieltes Ich zurückgelassen hat, findet Quality Time vielleicht darin, einfach mal Quatsch zu machen. Meetings mit einem Warmup zu starten, das alle aus der Reserve lockt. Ohne Ziel, ohne Ergebnis.

Quality Time für das trotzige Ich könnte so aussehen: Nein sagen — ohne Begründung. Eine Einladung absagen, die nicht passt. Etwas nicht tun, nur weil es erwartet wird. Der Trotz will keine Analyse. Er will gehört werden. Und manchmal reicht dafür eine eigensinnige Reaktion.

Funktionspflege hält dich am Laufen. Die Quality Time holt dich zurück. Das ist es, wonach sich dieser Anteil in dir seit seiner Kindheit sehnt. Nicht irgendwann mal. Nicht als Belohnung. Als Grundnahrungsmittel.

Die Kraft echter Eigenverantwortung

Was wird möglich, wenn du anfängst, Verantwortung für diese Sehnsucht zu übernehmen?

Ich erlebe es so: Ich bin bei mir. Nicht bei dem, was ich leisten muss oder was andere von mir brauchen. Einfach nur bei mir. Und in diesem Bei-mir-Sein verschwindet das, was ich lange nicht greifen konnte: die leise, nagende Einsamkeit, die ich selbst in einem Raum voller Menschen spürte.

Wenn du bei dir bist, brauchst du nichts mehr zu kompensieren. Keine Ablenkung. Keine Intensität. Keine neuen Impulse. Du bist einfach da. Und dann passiert etwas Unerwartetes.

Der verspielte Anteil — dem du jahrelang zugerufen hast: Du hast Verantwortung. Keine Zeit für Spielerei — bringt dir echte Heiterkeit zurück. Nicht als fader Witz zur Auflockerung. Sondern als Zugang zur Leichtigkeit, aus der die besten Ideen kommen. Denn die kommen nicht unter Druck. Sie kommen aus dem Spiel. Das weißt du. Du hattest nur aufgehört, es dir zu erlauben.

Der trotzige Anteil — dem du entgegengehalten hast: Reiß dich zusammen, die anderen schauen auf dich — entpuppt sich im Kontakt als produktiver Eigensinn. Du vertrittst eine unpopuläre Position und hältst sie. Du gibst deinen Ideen Raum, auch wenn sie Spannung erzeugen. Dein Widerstand entsteht nicht aus Trotz. Sondern aus klarer Haltung.

Der weise Anteil — dem du kühl erklärt hast: Das ist naiv. Du weißt doch, wie es wirklich läuft — fängt an, gehört zu werden. Und mit ihm kehrt deine tiefe Intuition zurück: Für die Entscheidung, die sich falsch anfühlt, obwohl sie in Excel super aus sieht. Den Menschen, der nicht passt, obwohl der Lebenslauf überzeugt. Die Strategie, die zieht — bevor die Analyse sie bestätigt.

Das ist kein Programm. Kein Ergebnis von Disziplin. Das ist, was passiert, wenn du die Stimme aus dem fünften Stock durch eine andere ersetzt. Eine, die sagt: Ich komme. Ich bin gleich da.

Erkenne dein zurückgelassenes Ich — Die Reflexion

Du hast jetzt verstanden, was dein zurückgelassenes Ich ausmacht. Nimm dir nun Zeit, ihm zu begegnen.

Schritt 1 — Sieh das zurückgelassene Ich. Schließ die Augen. Lass ein Bild entstehen. Mach es so konkret wie möglich. Wie alt ist dieses Ich? Wo ist es? Was trägt es? Was macht es gerade — und was sagt es? Lass dich von deinem Bild überraschen. Fühle ihm nach.

Schritt 2— Prüfe deine bewusste Haltung. Wo ist das bewusste Ich in diesem Bild? Wie nah — wie weit von dem zurückgelassenen Ich? Was löst der Blick auf das zurückgelassene Ich in dir aus? Ungeduld? Rührung? Widerstand? Schau ehrlich hin. Du bist ein erfahrener Leader. Du bist gewohnt, Situationen zu beurteilen. Beurteile jetzt diese — ohne sie zu korrigieren.

Schritt 3 — Rücke näher. Was passiert, wenn du auf dein zurückgelassenes Ich zugehst? Was siehst du dann, das du vorher nichtgesehen hast? Was will es dir sagen? Geh in ein inneres Gespräch — das bewusste Ich und das verlassene Ich als Gegenüber. Was braucht es von dir? Wenn es dir hilft: Weise einer KI die Rolle dieses Ichs zu — und lass das Gespräch entstehen. Was du dabei erfährst, wird dich überraschen.

Schritt 4 — Weite den Blick. Was verändert sich, wenn du das zurückgelassene Ich wirklich siehst? Was in dir wird ruhiger, klarer? Und wie geht es ihm, wenn es sich endlich gesehen fühlt?

Schritt 5 — Lege eine Geste fest. Was tust du künftig, wenn dein zurückgelassenes Ich unvermittelt auftaucht — mitten im Alltag, im Meeting, in der Erschöpfung? Du brauchst dafür keine Auszeit. Keine halbe Stunde. Nur einen Moment des Gewahrwerdens.

In meinem Fall ist es ein inneres Bild: Ich schließe die einsame Dorothea fest in die Arme. Du bist nicht allein. Ich bin da.

Drei Sekunden. Kein Aufwand. Aber eine klare Botschaft an dich selbst: Ich habe dich gesehen.

Quality Time — Das Experiment

Die Geste ist die Soforthilfe. Quality Time ist das Fundament.

Bei deiner Quality Time geht es um dein Commitment zu dir selbst: Ich nehme mich ernst und bin für mich da — nicht, wenn noch Zeit übrig ist, sondern regelmäßig. Weil ich es mir schulde.

Wie bei Kindern geht es nicht um Quantität, sondern um Qualität. Der dreiwöchige Abenteuerurlaub ist toll — aber er bringt nicht das, wonach du dich eigentlich sehnst. Es geht um den direkten, intensiven Kontakt mit dir selbst.

Du weißt jetzt, was dein zurückgelassenes Ich braucht, um sich angenommen zu fühlen. Entwickle nun deinen eigenen Ansatz.

Gute Quality Time-Aktivitäten sind unaufwändig. Es sind Aktivitäten, die du überall und jederzeit machen kannst. Sie dauern nur wenige Minuten dauern und brauchen keine Hilfsmittel. Verankere sie so in deinem Alltag, dass sie keine zusätzliche Zeit brauchen. Wartezeiten, Autofahrten, der erste Kaffee am Morgen.

So wie ein Coachee von mir: Ein Gründer und CEO, dessen zurückgelassenes Ich nie gesehen worden war. Und der es als Erwachsener genauso wenig konnte: sich selbst und seine Erfolge wahrnehmen. Die Lösung war denkbar einfach: Die ersten fünf Minuten auf der Autofahrt zurück von der Firma zur Familie gehören dem Feiern der kleinen Erfolge des Tages. Ein Post-it am Spiegel erinnert daran. Die Wirkung war enorm. Er sieht sich. Er sieht, was er geleistet hat. Nach zwei Wochen sagte er mir: Ich gehe mit einem ganz neuen Selbstbewusstsein aus dem Tag. Und das war spürbar. Da stand jemand vor mir, der ganz bei sich war.

Plane deine Quality Time jetzt. Und widme dich ihr mit demselben Respekt, den du einem wichtigen Partner gibst. Nicht als Belohnung. Sondern als Grundnahrungsmittel.

Nur wer bei sich ist, kann fürandere da sein.
Das ist keine Selbstbezogenheit. Das ist echte Eigenverantwortung.

VERTIEFUNG

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