
Ich erlaubte mir meine Wut. Und spürte, wie ich innerlich wuchs. Kraftvoller, klarer und aufrechter wurde. Mit dieser Energie ging ich in das nächste Meeting. Gerader Rücken. Kraftvolle Stimme. "So geht das nicht weiter." Die Energie im Raum war spürbar. Meine Größe auch. Mein Chef war verdutzt. Das war er von mir nicht gewöhnt. Er spürte: Hier hatte sich gerade etwas geändert.
Ich war ganz da. Groß. Mit der Kraft meiner Wut.
Das war kein pathetisches „Gefühle zeigen“. Es war auch kein „authentisch sein“ im Sinne von: Ich lasse alles raus. Das war: Gefühle als Kraft zu lassen. Meine Traurigkeit hatte mich klein gemacht. Meine Wut hat mich aufgerichtet.
Eine Emotion ist keine Störgröße.
Sie ist Kraft, die dich bewegt.
Lies in diesem Blogartikel, warum es gerade in der Führung sowichtig ist, dass du den Zugang zu deinen Emotionen offen hältst.
Wut, Trauer, Angst - all das solltest du als Führungskraft am besten nicht zeigen. Selbst große Freude wird gemieden — statt Erfolge zu lustvoll zu feiern, gehst du über sie hinweg. Die könnten sonst ja übermütig werden...
Du sollst in der Führung möglichst gleichmütig auftreten. Keine Gefühle zeigen. Dich von nichts irritieren lassen. Dieser Anspruch harmoniert wunderbar mit der Prägung vieler Führungskräfte, die schon früh gelernt haben, ihre Gefühle zu unterdrücken.
Das Problem: deine Emotionen sind die unmittelbarste Schnittstelle zwischen dir und deiner Umwelt. Sie sind die Basis deiner Resonanz. Mit dir. Mit deinem Gegenüber. Mit deinem System. Die israelische Soziologin Eva Illouz nennt Emotionen "einen Dialog sotto voce mit der Welt".
Ein leiser, ständiger Austausch mit deiner Umwelt. Von Außen nach Innen — Du spürst, was im Raum passiert. Dein Körper reagiert. Lange bevores dein Kopf weiß, signalisiert dir dein System: Gefahr. Vertrauen. Widerstand. Und von Innen nach Außen — Du spürst den Ärger in der Brust. Deine Stimme flattert vor Angst. Dein Körper und deine Stimmung kommunizieren deinen Zustand nach außen.
Genau das macht Resonanz aus. Ein aufeinander Einschwingen.
Dein Job als Führungskraft ist nicht, emotional zu sein.
Dein Job ist sicherzustellen, dass dein Zugang zu dieser Information offen bleibt.
Emotionen sind komplexe psychophysiologische Reaktionen auf Reize. Dein Körper nimmt etwas wahr — eine Situation, eine Person,eine Veränderung — und reagiert. Blitzschnell. Unterhalb der Bewusstseinsgrenze. Dein Nervensystem reagiert. Muskeln spannen sich an. Energie mobilisiert sich, innere Spannung baut sich auf.
Das, was sich als eine „Emotion" anfühlt, hat drei Ebenen: Zuerst reagiert dein Körper. Herzrasen. Schwitzen. Muskelanspannung. Veränderte Atmung. Mimik. Dann bewertest du die Situation —ist das gefährlich, ist das gut für mich? Und schließlich ordnest du dem Ganzen ein Label zu: Freude. Angst. Wut. Trauer.
Eine gesunde emotionale Grundspannung hält dich wach, präsent und handlungsfähig. Sie hilft dir, in Sekundenschnelle Gefahren zuerkennen, Entscheidungen zu treffen und lädt dich mit der nötigen Handlungsenergie auf.
Du kannst sicher mindestens ein Dutzend Gefühle benennen: Frustration, Erleichterung, Stolz, Neid, usw. Hinter all dem stehen sieben angeborene und kulturunabhängige Grundemotionen, die der Psychologe Paul Ekmanso identifiziert hat: Freude, Wut, Ekel, Angst, Verachtung, Trauer und Überraschung.
Jede dieser Emotionen gibt dir präzise Information über dieSituation und bereitet eine spezifische Handlung vor. Hier fünf Beispiele, die in der Führung besonders oft vorkommen:
Emotionen regulieren heißt: Wahrnehmen, was da ist — und dann wählen, was du damit tust.
Viele Führungskräfte haben schon sehr früh gelernt, ihre Emotionen zu unterdrücken. "Gefühle machen mich klein", sagte mir eine Coachee. Sie tat alles, um möglichst gleichmütig zu sein. Immer freundlich. Immer ausgeglichen. Alle starken, vor allem negativen Gefühle wurden weggedrückt. Nicht nur im Außenkontakt, sondern auch nach innen.
Sie ist damit nicht allein. Professionell sein heißt für die meisten: Emotionen sind eine Störgröße, die rausgehalten werden muss. Das Problem: Emotionen, die du unterdrückst, sind weiterhin da. Und wie Schatten bekommen sie ein Eigenleben - mit erheblichen Folgewirkungen.
Deine Gefühle zu spüren und sie bewusst zu regulieren, ist ein Akt der Resonanz mit dir selbst. Die Unterdrückung deiner „bedrohlichen“ Emotionen ist de facto eine Weigerung, mit deinen Gefühlen und Bedürfnissen in den Austausch zu treten. Du nimmst dich selbst nicht ernst und verweigerst dir das, was du brauchst.
Diese Entfremdung kostet dich Energie. Tatsächlich sind es nicht die Emotionen selbst, die dich anstrengen, sondern dein Widerstand gegen sie. Deine unregulierten Emotionen verschwinden nicht, sondern bleiben als Anspannung im Körper hängen. Das erschöpft. Also tut dein System etwas Cleveres — und gleichzeitig Destruktives. Es zeigt eine andere Emotion. Eine, die sich sicherer für dich anfühlt - und die du stattdessen ausleben darfst.
Als Kind hast du gelernt: Nicht jedes Gefühl ist sicher. Du warst wütend — und wurdest bestraft: So benimmst du dich nicht! Du warst traurig — und wurdest ignoriert: Reiß dich zusammen, du Heulsuse. Also hast du gelernt, die Emotionen zu transformieren, die du als ”gefährlich“ oder unangemessen erlebt hast. Die Transaktionsanalyse nennt das Ersatzgefühle. Du fühlst A, zeigst aber B,weil B ok ist.
Deine typischen Ersatzgefühle sind eng mit deinen Schutzmustern verbunden:
Das Zeigen von Ersatzgefühlen ist eine besonders perfide Art der Emotionsunterdrückung. Sie simuliert eine Emotionsregulierung, ohne den Druck wirklich abzubauen. Das unterdrückte Gefühl bleibt erhalten und vertieft sich immer mehr
So wie bei mir: Ich hatte gelernt: Wut ist gefährlich. Traurigkeit macht klein — ist aber sicher. Das Ergebnis: Jammern, ohne etwas zubewegen. Gleichzeitig stieg mein innerer Wutpegel immer weiter. Erst, als ich mich meiner Wut gestellt hatte, und mit ihrer Kraft klare Grenzen gezogen hatte, ging es mir wirklich besser.
Nimm dir einen Moment: Wo erlebst du Ersatzgefühle? Trauer statt Wut, Überraschung statt Angst? Wut statt Trauer? Wo hast du das gelernt?
Wenn der Spannungspegel weiter steigt, reicht irgendwannauch das Ventil der Ersatzgefühle nicht mehr aus. Und dein Nervensystem nimmt einen von drei Notausgängen:
Cortical Shutdown — "Ich schalte meinen Kopf ab" Dein Großhirn geht offline. Blackout. Du stehst in der Präsentation — und plötzlich ist alles weg. Du verstummst, bist unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Das ist der Freeze. Der Totstellreflex. Wenn die Bedrohung zu groß ist, schaltet deine Ratio ab. Du bist nur noch Emotion — die du aber ohne Zugang zur Ratio nicht beschreiben kannst. Deine gesamte Klarheit ist in diesem Moment verschwunden.
Rationalisierung — "Ich schalte meine Gefühle ab" Du spaltest deine Emotion ab und spürst nichts mehr. 100% Ratio. "Das ist interessant aus psychologischer Sicht..." — während dein Partner dir gerade die Trennung ausspricht. Es sieht aus wie Kontrolle, ist aber Dissoziation. Du bist körperlich anwesend, aber emotional weg. Das ist der häufigste Notausgang der Flucht. Echter, resonanter Kontakt mit deinem Gegenüber ist in dieser Situation nicht mehr möglich.
Projektive Entladung — "Du musst es für mich fühlen" Du schießt deine Emotion Richtung Gegenüber. Der cholerische Ausbruch im Meeting. Die Schuldzuweisung. Die emotionale Erpressung. "Wenn ihr das nicht macht, bin ich am Ende." Was du nicht ertragen kannst, muss jetzt der andere aushalten. Er spürt jetzt deine Angst. Deine Hilflosigkeit. Deine Scham. Der typische Notausgang im Kampf. Raus aus der Eigenverantwortung. Mit umfassenden Nebenwirkungen: Der andere schaltet ab (Cortical Shutdown), schießt zurück (Eskalation) oder rationalisiert ("Der ist halt so...").
Nimm dir einen Moment: Was ist dein typischer Notausgang?
Keiner der drei Notausgänge löst das Problem. Im Gegenteil. Du verlierst deine Handlungsfähigkeit und alles, was reife Führung ausmacht: Klarheit, Resonanz und eine angemessene Verantwortung.
Reife Macht entwickelt eine vierte Option:
Die Fähigkeit, Spannung zu halten.
Als ich mit der Kraft meiner Wut in dieses Meeting ging, habe ich sie nicht einfach rausgeschossen. Ich habe ihre Kraft genutzt, um aufrecht und mit großer Klarheit zu formulieren, was nicht in Ordnung war. Eine Kraft, die für mein Gegenüber spürbar war. Hier ist eine Grenze erreicht. So geht es nicht weiter.
Das ist der Unterschied. Nicht unterdrücken. Nicht ausagieren — Bewusst regulieren.
Das klingt einfach. Ist es aber nicht. Es bedeutet: Du spürst den Druck in der Brust. Die Hitze im Gesicht. Die Spannung, die nach sofortiger Reaktion schreit. Und du tust etwas, das sich zunächst unmöglich anfühlt: Du hältst inne.
Du schaust hin. Ist das echt — oder ein Ersatzgefühl? Was will mir diese Emotion sagen? Welche Handlung lädt sie mich ein zu tun? Und dann — erst dann — wählst du bewusst, was du mit dieser Kraft tust.
Emotionsregulierung braucht Übung - aber sie lohnt sich.
Du baust emotionalen Druck ab. Immer wieder. Keine unterdrückten Gefühle, die ein Eigenleben entwickeln. Keine tiefe Wut, die sich aufstaut. Keine latente Traurigkeit, die dich schwer macht. Immer wieder Reset. Zurück auf Null.
Das macht dich offen für neue Erfahrungen und andere Menschen. Für das, was wirklich da ist — statt für das Echo dessen, was du noch mit dir herumträgst. Und es macht dich klar. Deine Emotionen zeigen dir, was wichtig ist. Sie setzen Prioritäten, bevor dein Kopf überhaupt sortiert hat. Der Deal, bei dem etwas nicht stimmt. Die Entscheidung, die rational perfektaussieht — und trotzdem falsch ist. Dein Körper weiß es zuerst.
Wer seine Emotionen reguliert, lernt ihnen zu vertrauen. Das gibt dir etwas zurück, das viele Führungskräfte verloren haben: Intuition. Intuition ist keine Magie. Sie ist die Summe von allem, was du erlebt hast. Tausende Situationen, Gefühle, Entscheidungen, gespeichert in deinem Körper. Verdichtet zu einem tiefen Wissen, das sich nicht begründen, sondern nur spüren lässt.
Der Kandidat mit dem perfekten Lebenslauf — und dein Körper sagt Nein. Die Strategie, die alle mittragen — und trotzdem spürst du: Warte. Nicht jetzt.
Wer den Zugang zu seinen Emotionen verliert, verliert den Zugang zu dieser Information.
Stell dir zwei Führungskräfte vor. Beide verkünden dieselbe Nachricht. Der eine liest sie ab. Neutral. Kontrolliert. Emotionslos. Der andere lässt seine Emotion spürbar mitschwingen. Seine Freude über einen Erfolg. Seine Ernsthaftigkeit in einer Krise. Seine Entschlossenheit in einer schwierigen Entscheidung.
Nur der zweite wird als präsent wahrgenommen. Menschen, die sich neutral verhalten, sind anwesende Abwesende. Sie stehen im Raum, sind aber nicht da. Das verunsichert. Denn unser Vertrauen basiert nur zum geringsten Teil auf den Fakten, die wir kommunizieren. Es entsteht erst durch die Stimmigkeit zwischen Botschaft und Emotion. Wenn die fehlt, entsteht Misstrauen.
Wenn du deine Emotionen spürbar machst, wirst du lesbar. Und schaffst damit selbst dann Sicherheit, wenn du schlechte Nachrichten kommunizieren musst. Du wirst als lebendiges Gegenüber erfahren.
Gleichzeitig ermöglicht dir deine eigene emotionale Klarheit, die Emotionen deines Gegenübers zu lesen.
Du kommst in ein Meeting — und sofort spürst du: Hier ist etwas anders. Niemand hat etwas gesagt. Aber die Atmosphäre ist angespannt, alle schauen aneinander vorbei. Oder du führst ein schwieriges Gespräch. Minutenlang Widerstand. Argumente. Rechtfertigungen. Und dann — für einen Moment — öffnet sich etwas. Du spürst: Jetzt. Genau jetzt.
Hier wirken deine Spiegelneuronen.
Dein Körper liest, was im Körper des anderen vorgeht. Automatisch. Unterhalb der Bewusstseinsgrenze. Doch das funktioniert nur, wenn du weißt, was deine eigenen Gefühle sind. Wenn du klar unterscheiden kannst: Das ist meins. Das ist deins. Das ist, was zwischen uns entsteht.
Ohne diese Klarheit wird alles zu einem Mischmasch. Du spürst etwas — aber du weißt nicht, woher es kommt. Ist das meine Angst? Oder seine? Ist das echte Spannung — oder nur mein unverarbeiteter Ärger von gestern?
Wer seine eigenen Emotionen nicht kennt,
kann die der Anderen nicht lesen.
Denk an eine Situation aus den letzten Wochen, in der du nicht gut agiert hast. Ein Meeting, in dem du überreagiert hast. Ein Gespräch,in dem du geschwiegen hast, statt deine Meinung zu sagen. Eine Entscheidung, die du gegen deine Intuition getroffen hast.
Erster Durchgang: Was ist passiert?
Geh die Situation noch einmal durch. Schritt für Schritt.
Zweiter Durchgang: Was könnte anders laufen?
Geh noch einmal in die Situation. Überlege dir, wie du künftig agieren willst. Angefangen von dem Moment, in dem du die Spannung wahrnimmst.
Was verändert sich? Wie fühlt sich die Situation jetzt an? Wie fühlst du dich? Wie reagiert dein Gegenüber?
Das ist der Unterschied zwischen unreifer und reifer Macht.
Der Umgang mit unseren Emotionen braucht Mut. Mut das anzusehen, was in dir vorgeht. Mut, Gefühle zu zeigen, die du bisher als gefährlich betrachtet hast. Mut, dich gegen das einfache Ausagieren zu stellen.
Wenn du dich mit deinen Emotionen auseinandersetzt, kannst du nicht mehr so tun, als wüsstest du nicht, was du fühlst. Du kannst sie nicht mehr wegdrücken und hoffen, dass sie verschwinden. Du kannst nicht mehr blind reagieren und hinterher sagen: "Ich war halt emotional."
Reife heißt: Du weißt, was in dir vorgeht.
Und du wählst, was du damit tust.
Ich habe das Gespräch geführt. Mit meiner vollen Kraft. Es war hart. Und klar. Zum ersten Mal seit Monaten habe ich geschlafen.
Das ist reife Macht: Nicht emotionslos. Nicht reaktiv. Präsent.