
Damals fühlte sich das gut an. Heute denke ich nur noch: Oh Gott.
Ich war Geschäftsführerin einer Strategieberatung, hatte drei kleine Kinder zu Hause und arbeitete rund um die Uhr. Wenn mich jemand fragte, wie ich das alles schaffe, zeigte ich es mit den Händen.
Ich malte mit den Händen drei Zeitblöcke in die Luft. Zunächst ein riesiger Block: "Das ist die Zeit, die ich für meinem Job brauche." Darunter ein etwas kleinerer Zeitblock für die Familie. Und ganz unten — der Zeitblock für mich.
Dann hielt ich die verfügbare Zeit dagegen. Sie endete mitten in der Familienzeit. Ich war nur am Rennen und Jonglieren. Um das machbar zu machen, habe ich mich selbst hinten angestellt. Und das als Normalität verklärt: "Mein Job ist mein Hobby." Oder: "Meine Familie ist doch alles, was ich brauche." "Ich bin jetzt einfach nicht dran."
Wie es mir dabei ging? Ausgelaugt. Erschöpft. Leer.
Aber das durfte ich nicht spüren. Denn dann hätte ich etwas ändern müssen: Meinen Bedürfnissen Priorität geben, andere um Unterstützung bitten — und die Arbeit so organisieren, dass noch Platz für mich ist. Doch all das habe ich nicht getan. Weil ich weder wusste, dass es geht, noch wie es geht.
„Ich bin jetzt nicht dran“ ist keine Bescheidenheit.
Es ist die Leugnung deiner Bedürfnisse. Auf deine Kosten.
Lies in diesem Blogartikel, warum es gerade in der Führung so wichtig ist, deine Bedürfnisse zu erkennen und sie bewusst zu regulieren.
Dieses Muster durchzieht dein ganzes Leben. Im Großen wie im Kleinen. Du brauchst Hilfe, um ein Projekt voranzutreiben. Du machst es aber selbst, um das Team nicht zu belasten. Der Berg an Arbeit erschlägt dich — aber bloß nicht zeigen, sonst ist dein Nimbus angekratzt. Du sehnst dich nach offener Anerkennung für deine Leistung und bist frustriert, dass dich keiner sieht.
Deine Bedürfnislosigkeit ist deine Identität: "Ich habe keine Probleme. Ich löse sie."
Brauchen heißt: Ich habe ein Problem. Lösen heißt: ich bin ok. Mir fehlt nichts. Je höher deine Position, desto stärker der unausgesprochene Code: Wer etwas von anderen braucht, ist schwach. Brauchen heißt: Ich kann es nicht allein. Ich bin verletzlich und abhängig.
Der Mythos der dahinter: " Macht verlangt, dass du dich selbst zurück stellst. Immer."
Keine Bedürfnisse zu haben, wird in der Führung idealisiert. Die selbstlose Führungskraft, die nur für andere da ist — "Servant Leadership" als Selbstkasteiung. Der harte Hund, der alles im Griff hat — weil Brauchen Abhängigkeit bedeutet und mit Kontrollverlust einhergeht.
Wer am wenigsten Schlaf braucht, gewinnt. Wer keine Pause braucht, ist tough. Bedürfnisse werden zu dem, was andere haben. Nicht du. Und irgendwann merkst du: Die Frage "Was brauchst du?" geht ins Leere. Nicht, weil du es nicht sagen willst. Sondern weil du es tatsächlich nicht mehr weißt.
Bedürfnisse sind das Gefühl eines Mangels, verbunden mit dem Wunsch, diesen zu beheben.
Das Problem: Viele Menschen hoffen, dass ihre Wünsche von anderen gesehen und erfüllt werden — und begeben sich so in die Abhängigkeit. "Ich bekomme nicht genug Wertschätzung von meinem Beirat. Die sehen nicht, was ich leiste." Das höre ich oft in Coachings. Ich frage dann immer: Siehst du selbst, was du leistest?
Es folgt: Stille. Die Frage trifft immer. Die ehrliche Antwort tut weh: Nein. Ich sehe es nicht. Ich warte darauf, dass andere es mir zeigen. Echte Bedürfnisse, so formuliert es der Psychologe Klaus Eidenschink „sind dadurch gekennzeichnet, dass sie immer eigene Aktivität sind.“[1]
"Ich erkenne an, was ich geleistet habe“, reguliert dein Bedürfnis nach Anerkennung. Du erfüllst dein Bedürfnis und fühlst dich gut. "Ich brauche Anerkennung von meinem Board" erfüllt dein Bedürfnis nicht. Denn es formuliert eine Erwartung an andere — und macht dich damit abhängig. Du lieferst dich aus, weil du darauf wartest, dass andere dir geben, was du dir selbst nicht gibst.
Bedürfnisse sind Akte der Selbstwirksamkeit.
Du empfindest einen Mangel — und regulierst ihn selbst.
Doch welche Bedürfnisse sind das eigentlich? Und warum werden manche direkt erfüllt — während andere durch Ersatz kompensiert werden?
Der Psychologe Klaus Grawe hat vier psychologische Grundbedürfnisse identifiziert. Sie sind immer aktiv. Gleichzeitig. Wenn du sie dauerhaft nicht erfüllst, nimmst du psychisch und physisch Schaden.
Dein Nervensystem versucht, alle vier Bedürfnisse gleichzeitig zu erfüllen und innere Integrität zu erzielen. Gelingt das, bist du im Gleichgewicht. Gelingt es nicht, entsteht innerer Konflikt. So wie bei mir: Beraterin. Geschäftsführerin. Drei kleine Kinder. Rund um die Uhr am Rotieren.
Zwei Bedürfnisse hoch erfüllt. Zwei aufgeschoben. Keine Konsistenz. Ich kam nicht zur Ruhe, war ausgelaugt, erschöpft.
So funktioniert ungesunde Bedürfnisregulation. Du erfüllst die Bedürfnisse, die sich erfüllen lassen — und ignorierst die, die unbequem sind. Dein inneres System bleibt im Konflikt.
Nimm dir einen Moment: Welche deiner vier Grundbedürfnisse sind erfüllt — und welche schiebst du auf? Was löst das in dir aus?
Heute kannst du deine Bedürfnisse erfüllen. Als Kind ging das nicht. Du warst abhängig davon, dass deine Eltern deine Bedürfnisse sahen und erfüllten. Hunger gestillt. Angst beruhigt. Verbundenheit gespürt.
Doch das gelang nicht immer. Manchmal wurden Bedürfnisse übersehen. Manchmal waren sie unbequem. Manchmal hatten deine Eltern keine Kapazität dafür. Also hast du gelernt: Dieses Bedürfnis ist nicht erfüllbar. Ich muss etwas anderes tun, um den Mangel zu ertragen oder die Bedürfniserfüllung zu erzwingen.
Vorhang auf für die Ersatzbedürfnisse. Sie springen ein, wenn die eigentlichen Bedürfnisse nicht erfüllbar sind. Eine Umleitung — die psychische Energie sucht sich einen anderen Weg.
Erkennst du dein Schutzmuster wieder?
Bei mir war es Nützlichkeit. Das hatte ich früh gelernt. Meine Nützlichkeit war lange mein Ersatz für Bindung und Lustgewinn. Ich verdiente gutes Geld für die Familie. Ich organisierte für andere Working Moms einen Stammtisch. Ich war die Mutter der Garnison im Unternehmen. Ich war wichtig, weil ich nützlich war.
Nur: Ersatzbedürfnisse schaffen keine echte Zufriedenheit. Sie geben dir einen kurzen Kick. Doch das eigentliche Bedürfnis bleibt unerfüllt. Also brauchst du mehr. Mehr Arbeit für mehr Nützlichkeit. Mehr Leistung für mehr Anerkennung. Mehr Kontrolle für mehr Sicherheit. Mehr Statussymbole für mehr Bedeutung.
Das Autonomie-Paradox
Viele Gründer und Führungskräfte haben eine große Sehnsucht nach Autonomie. Sie wollen frei und unabhängig sein. Die brutale Ironie: Die Position, die Freiheit bringen sollte, wird zum goldenen Käfig. Du bist gefangen zwischen Board, Investoren, Team, Kunden, Öffentlichkeit. Jede Entscheidung ist ein Kompromiss zwischen konkurrierenden Stakeholder-Interessen. Der CEO hat oft die wenigste Autonomie im ganzen Unternehmen.
Das unerfüllte Autonomiebedürfnis wird dann Kontrolle kompensiert. "Wenn ich schon nicht frei bin, dann will ich wenigstens alles kontrollieren." Oder durch Statusdenken: "Wenn ich schon nicht frei bin, will ich wenigstens meinen Wert zeigen." Doch Kontrolle und Statusdenken kosten Autonomie. Die Katze beißt sich in den Schwanz. Jedes Detail, das du überwachst, bindet dich stärker. Je exklusiver die Statussymbole, desto abhängiger bist du davon im richtigen Kreis zu landen. Die Falle schließt sich.
Die eigentlichen Bedürfnisse bleiben unerfüllt.
Du bist umgeben von Menschen. Meetings, Gespräche, Präsentationen. Und trotzdem: Niemand zum Reden. Keine echte Verbindung, nur strategische Beziehungen. Fast die Hälfte aller CEOs berichten von Einsamkeit. Du schiebst das lustvolle Leben auf. "Später, wenn ich es geschafft habe." Oder du stürzt dich in Abenteuer. Extremsport. Riskante Deals. Erotische Eskapaden. Alles, was den intensiven Kick von Lebendigkeit simuliert. Doch das sättigt nicht. Am nächsten Tag brauchst du mehr. Du schiebst deine Erholung auf, bis das Projekt läuft oder die Finanzierungsrunde steht. Doch dein Körper ist weniger geduldig als du. 55% der CEOs kämpfen mit mentalen Gesundheitsproblemen. Angst. Depression. Burnout. Du verlierst dich selbst.
Nimm dir einen Moment: Welches Ersatzbedürfnis treibt dich an? Welches eigentliche Bedürfnis bleibt unerfüllt?
Reife Macht entwickelt eine andere Fähigkeit:
Bedürfnisse wahrnehmen. Benennen. Selbst regulieren.
Ich höre immer wieder Podcasts mit großen Unternehmern. Hans Thomann. Reinhold Würth. Dirk Rossmann. Was sie eint, ist nicht nur ihr Erfolg. Es ist die Energie, mit der sie ihr Leben gestalten. Statt auf morgen zuwarten, leben sie so, dass alle ihre Grundbedürfnisse erfüllt sind:
Sie pflegen langjährige, tragende Partnerschaften und tiefe Freundschaften. Sie setzen sich jenseits des Unternehmens für die Gesellschaft ein. Als Unternehmer erleben sie sich täglich in ihrer Kompetenz. Und sie haben echte Hobbies — Reinhold Würths Kunstsammlung, Hans Thomans Musizieren, Dirk Rossmanns Philosophie.
Und genau diese ausgeglichene Bedürfniserfüllung gibt ihnen die Energie, die sie brauchen, um wirklich große Unternehmen zu schaffen.
Sie stellen den Macht-Mythos auf den Kopf:
"Reife Macht verlangt, dass du deine Grundbedürfnisse lebst. Jetzt."
Von ihnen kannst du viel lernen:
All das macht dich zufriedener. Und es gibt dir die Energiefür das, was du aufbauen willst.
Wenn du deine Grundbedürfnisse bewusst erfüllst, verändert sich etwas. Du vertraust der Welt mehr — dein Kontrollzwang weicht Gelassenheit. Deine Beziehungen nähren dich, statt dich zu erschöpfen. Dein Selbstwert stabilisiert sich — unabhängig von deiner Performance. Du brauchst keine externe Bestätigung mehr als Lebensversicherung. Dein Leben wird leichter und freier.
Was sich nach einem Mammutprojekt anfühlt, fängt im Kleinen an.
Du wartest nicht mehr darauf, dass deine Kollegin ahnt, was du brauchst — du sprichst es aus. Du stellst die Familie nicht aufs Abstellgleis — du schützt feste Zeiten. Du ärgerst dich nicht über den chaotischen Arbeitsstil deines Co-Founders — du setzt klare Grenzen: "Das brauche ich von dir." Du hoffst nicht, dass das Board deine Leistung anerkennt — du erkennst selbst an, was du geleistet hast.
Jeder Moment, in dem du deine Bedürfnisse bewusst regulierst, ist ein Baustein auf dem Weg zu reifer Macht. Und das Gute dabei: Bedürfnisregulation ist ein Handwerk.
Die Fähigkeit, Bedürfnisse zu regulieren, ist ein Prozess, den du lernen kannst. Je öfter du diesen Prozess durchläufst, desto früher wirst du künftig deine Bedürfnisse erkennen und eine gute Regulation für sie finden.
Nimm dir eine Situation, in der du das Gefühl hattest, zu kurz gekommen oder nicht gesehen worden zu sein.
Schritt 1: Bedürfnisse wahrnehmen
Der erste und wichtigste Schritt ist die Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse. Der Schlüssel dazu: Deine Emotionen. Was hast du in der Situation gefühlt - und für welches Bedürfnis könnte das ein Indikator sein?
Ein guter Indikator ist auch das latente Gefühl zu kurzgekommen zu sein oder der Satz „Warum sehen die nicht, was es hier braucht.“
Formuliere das Bedürfnis, das dir deine Emotion zeigt: Ich brauche....
Schritt 2: Bedeutung geben
Hast du ein Bedürfnis identifiziert, stellt sich die Frage nach seiner aktuellen Bedeutung. Nicht jedes Bedürfnis hat immer Priorität– das ist oft situativ. Frag dich: Wie wichtig ist die Erfüllung dieses Bedürfnisses für mich — jetzt, in dieser Situation? Was passiert, wenn es unerfüllt bleibt?
Schritt 3: Erfüllbarkeit beanspruchen
Gehe davon aus, dass deine Bedürfnisse Erfüllung verdienen. Viele entwerten ihren Anspruch auf Bedürfniserfüllung mit irrationalen Glaubenssätzen: "Ich bekomme ja doch nicht, was ich mir wünsche" oder "Ich darf nicht so viel verlangen." Frag dich: Erlaube ich mir die Erwartung, dass dieses Bedürfnis erfüllt werden kann? Oder habe ich gedacht: "Ich darf das nicht brauchen"?
Schritt 4: Selbstverantwortung erkennen
Nur du selbst kannst für die Erfüllung deiner Bedürfnisse sorgen. Das bedeutet nicht, dass du es allein tun musst. Du kannst dir auch Unterstützung holen. Aber es ist dein Job, den Prozess deiner Bedürfniserfüllung zu steuern. Frag dich: Hoffe ich gerade, dass jemand anderes sieht, was ich brauche? Oder ist mir klar: Ich finde selbst einen Weg, dieses Bedürfnis zu regulieren?
Schritt 5: Klar ausdrücken
Jetzt kommt der schwierigste Schritt: Kommuniziere dein Bedürfnis. "Ich brauche..." kommt vielen Menschen nur schwer über die Lippen. Das fühlt sich verletzlich an und erfordert Mut. Was wenn mein Gegenüber mich zurückweist? Kommuniziere klar, entspannt und zeitnah. Warte nicht darauf, dass andere dir den Wunsch von den Augen ablesen, oder bis dein innerer Druck so groß geworden ist, dass deine Bitte nur noch als Vorwurf herausbricht. Formuliere dein Bedürfnis: "Ich brauche..." (ohne "für das Projekt", ohne "damit wir...") Kein Groll, kein Drama. Nur Klarheit.
Schritt 6: Alternativen finden
Nicht jedes Bedürfnis lässt sich sofort und vollumfänglich erfüllen. Doch statt zu resignieren, entscheidest du aktiv, wie du damit umgehst.
Keine dieser Strategien ist per se "besser" als die anderen. Wichtig ist nur, dass du bewusst eine Entscheidung triffst, anstatt dich einem unerfüllten Bedürfnis ausgeliefert zu fühlen.
Schritt 7: Mit anderen abstimmen
Du bist nicht allein auf der Welt. Echte Souveränität zeigt sich nicht im Durchdrücken deiner Bedürfnisse, sondern in der angemessen Abstimmung mit den Bedürfnissen deines Gegenübers. Die Haltung dahinter: "Mir ist X wichtig. Ich verstehe aber deinen Wunsch nach Y. Wie können wir beides unter einen Hut bringen?" Wenn beide Seiten ihre Karten offen auf den Tisch legen, wächst das gegenseitige Verständnis.
Was verändert sich?
Geh noch einmal in deine Ausgangssituation. Wie fühlt sich die Situation jetzt an, wenn du diese Schritte durchgegangen bist? Wie fühlst du dich? Was würdest du anders machen?
Das ist der Unterschied zwischen unreifer und reifer Macht.
Heute sieht mein Alltag anders aus. Die Kinder sind aus dem Haus — da fällt viel Druck weg. Aber das ist nicht der einzige Unterschied. Ich sehe zu, dass meine Bedürfnisse gut erfüllt sind.
Meine Arbeitsweise erlaubt eine hohe Selbstbestimmung. Ich nehme mir Zeit für wunderbare Freundschaften. Fast alles an meiner Rolle als Coach macht mir Freude: Die Sessions selbst, aber auch das Schreiben. Ich erlebe mich in meiner Kompetenz.
Ich arbeite viel. Auch an Wochenenden. Doch wenn ich schreibe, befriedigt das mein tiefes Bedürfnis nach Selbstausdruck. Das ist kein Opfer. Das ist Erfüllung.
Gelingt das immer? Nein. Immer wieder passiert es, dass ich mich ein, zwei Wochen einigle. Das Muster sitzt tief. Aber ich merke es schneller. Und korrigiere früher.
Ich habe gelernt: Bedürfnisse zu haben, ist Realität. Sie selbst zu erfüllen, ist Souveränität.
Das ist reife Macht:
Du weißt, was du brauchst. Und du sorgst dafür.
Emotionen — Die Kraft, die dich bewegt: Professionell sein heißt nicht: Nichts fühlen. Es heißt: Spüren, was da ist — und wählen, was du damit tust.
[1]Eidenschink, Klaus: „Es gibt keine Narzissten!“, S. 22.