
Unsere Beratung war übernommen worden. Von einer der Big Four Wirtschaftsprüfer. Wir hatten dem Team versprochen, dass wir weiterhin unabhängig bleiben und mit unseren eigenen, agilen Tools und Prozessen arbeiten würden.
Doch bald schon sah die Welt anders aus. Aus der freundlichen Einladung, doch die Staffing-Plattform des Konzerns zu nutzen, wurde eine harte Forderung: Ihr müsst umstellen. Findet euch damit ab.
Die Gründer sagten: Das haben wir so nicht gewollt, das war anders gemeint. Mein Job als COO: Die unerwünschte Entscheidung der Zentrale kommunizieren. Ich stand vor meinen frustrierten Kollegen. Ihnen war egal, wer die Entscheidung getroffen hatte, und ob das eigentlich anders gemeint war. Sie waren sauer, weil sie künftig mit einer sperrigen Lösung arbeiten mussten.
Du kennst dieses Dilemma. Begrenzter Einfluss. Volle Wirkungsverantwortung. Das ist keine Ausnahme auf deinem Level. Das ist dein Alltag.
Stephen Covey hat in seinem Buch „Die 7 Wege zur Effektivität“ ein starkes Modell entwickelt. Drei Kreise:
Die Erkenntnis dahinter: Viele Menschen konzentrieren sich zu sehr auf Dinge, die sie eigentlich nicht beeinflussen können, den Circle of Concern. Das Ergebnis: Reaktivität, Stress und Ohnmacht. Proaktive Menschen hingegen konzentrieren sich auf ihren Einflussbereich — sie sind handlungsfähig und lösungsorientiert.
Coveys Botschaft war klar: Fokussiere deine Energie auf die inneren Kreise. Auf das, was du beeinflussen kannst. Oder noch besser: auf das, was du konkret kontrollieren kannst. Lass los, was jenseits liegt und dir nur Sorgen bereitet.
Ein starkes Modell. Für die meisten Menschen.
Doch für dich greift es zu kurz. In deiner Position gibt es noch einen vierten Kreis. Den Circle of Impact. Er liegt jenseits dessen, was du kontrollieren und beeinflussen kannst. Dort, wo dein Handeln Wirkung hat — auch wenn du nicht selbst entschieden hast.

Dieser Kreis stellt eine Frage, die Covey nicht stellt:
Wofür trägst du Verantwortung — auch ohne deine bewusste Absicht, jenseits deiner Kontrolle?
Dein Circle of Influence — was du direkt gestalten kannst — endet an deiner Unterschrift. Dein Circle of Impact nicht. Er trägt deinen Namen weiter. In Systeme hinein, die du vielleicht nie gesehen hast. In Konsequenzen, die du nie gewollt hast. In Familien, die du nicht kennst.
Das ist die moralische Zumutung deiner Macht: Einfluss und Wirkung fallen auseinander. Und trotzdem musst du beides tragen. Drei Szenarien zeigen das Spektrum dieser Zumutung.
Marie Jaroni, die CEO von ThyssenKrupp Steel hat es erlebt. 11.000 Kündigungen, um 16.000 Stellen zu erhalten. Eine Entscheidung aus vielen Abwägungen, mit vielen Stakeholdern und Sachzwängen. Und mit weitreichenden Wirkungen: Lebensplanungen, die über den Haufen geworfen werden. Familien, denen ein Gehalt fehlt. Gemeinden, die einen ihrer größten Arbeitgeber verlieren. Die Wirkung trägt ihren Marie Jaronis Namen— auch dort, wo ihr Einfluss längst endet.
Mein Fall war kleiner. Bei der Entscheidung über die Staffing-Plattform sah mein Team mich an — nicht die Zentrale, die entschieden hatte. Ich hatte keinen Einfluss auf die Entscheidung. Wirksam war ich trotzdem.
Und schließlich eine Entscheidung, die du nicht triffst — und die etwas auslöst, das keiner will. Du gibst einem schwierigen Teammitglied kein Feedback. Bringt ja eh nichts. Also macht erweiter wie gehabt — und zerstört die Stimmung im Team. Du nimmst keinen Einfluss — und trotzdem entsteht Wirkung.
Das entstehende Gefühl brachte ein CEO in einem meiner abendlichen Salons auf den Punkt: Ich fühle mich vor allem ohnmächtig. Stille im Raum. Bedrücktes Nicken. Er hatte ausgesprochen, was viele Top Leader denken— aber nie laut sagen.
Deine Wirkung ist nicht das, was du wolltest.
Sie ist das, was ankommt.
Gute Absichten schützen nicht vor ungewollten Wirkungen. Das ist die unbequemste Wahrheit auf deinem Level. Die Versuchung ist groß, dich hinter dem zu verstecken, was du nicht kontrollieren kannst:
Du versteckst dich hinter der Entscheidung anderer: Ichhätte das ja anders gemacht, aber: Andere haben das entschieden. Der Aufsichtsrat. Das Headquarter. Der Investor. Das System ist halt so. Das hätte ich mit der Plattform-Entscheidung machen können. Doch selbst wenn du dich versteckst: Die Wirkung trägt deinen Namen, weil du dabei bist und sie kommunizierst. Weil dein Team dich sieht — und nicht das Headquarter.
Du nutzt deine gute Intention als Schutzschild. Das wollte ich doch nicht. Das mag stimmen. Doch was zählt, ist nicht was du wolltest — es zählt allein, was ankam. In den Familien, die du ausgeblendet hast. In den Teams, die auf dich gebaut haben. Wer sich hinter seiner Absicht versteckt, kappt die Verbindung zur Realität seiner Wirkung. Und damit die Möglichkeit, sie zu gestalten.
Du schaffst ein Entscheidungsvakuum. Keine Entscheidung treffen. Abwarten. Sorgfältig abwägen — wochenlang. Was nach Verantwortungsbewusstsein klingt, ist ein Ausweichen. Denn das Vakuum füllt sich trotzdem. Der Kollege, der die Macht an sich reißt und das Team verrückt macht. Die fehlende Strategie, die dafür sorgt, dass dein Unternehmen von der Konkurrenz überholt wird. Die Wirkung entsteht. Anonym, ohne deine Handschrift. Und damit unkontrollierbar.
Der vierte Weg ist der zerstörerischste: Du machst deine Ohnmacht zur Identität. Da bin ich machtlos. Das passiert mir halt einfach. Als wärest du Zuschauer deines eigenen Handelns. Was nach Hilflosigkeit klingt, ist subtiler Selbstschutz. Doch wer aufhört, sich als Urheber zu erleben, verliert nicht nur den Einfluss auf andere — er verliert das Gefühl, überhaupt etwas zu bewirken. Die Selbstwirksamkeit erodiert. Nicht weil er tatsächlich machtlos ist. Sondern weil er die Verbindung zwischen seinem Handeln und seiner Wirkung gekappt hat.
Wenn du dich vor deiner Wirkung versteckst, verlierst du deine Glaubwürdigkeit und deine Selbstwirksamkeit. Deine Glaubwürdigkeit verlierst du nicht im großen Desaster, sondern in den vielen kleinen Momenten, in denen dein Gegenüber merkt: Dieser Mensch sieht nicht, was er auslöst. Oder er sieht es n— und steht nicht dazu. Deine Selbstwirksamkeit geht verloren, wenn du aufhörst, dir deine eigene Wirksamkeit zu zugestehen. Und dazu gehören auch Dinge, die schief gehen.
Du bist nicht Zuschauer. Du bist dabei. Immer. Auch wenn du dich versteckst.
Wer nicht zu seiner Wirksamkeitsteht,
ergibt sich der Ohnmacht.
Aus dem Spannungsfeld zwischen Einfluss und Wirkung gibt es keinen Ausweg. Es gibt nur eine Entscheidung: Ich stehe zur Wirkung meines Tuns. Punkt.
Echte Urheberschaft beginnt dort, wo du aufhörst, die Augen zu zumachen. Du versteckst dich nicht hinter der Entscheidung der Zentrale, deinem guten Willen, der Nicht-Entscheidung oder deiner gefühlten Ohnmacht.
Du nimmst die Wirkung deines Handelns wahr. Die Kreise, die sie zieht. Du siehst auch das, was jenseits deines Einflusses passiert: Die Familien. Die Gemeinden. Die Menschen, die du nie treffen wirst und deren Leben sich trotzdem durch deine Entscheidung verändert. Du siehst was passiert, wenn du zu spät oder gar nicht agierst. Und du stellst dich dieser Spannung. So wie Marie Jaroni — die alles gesehen hat: Die Folgen der Kündigungen — aber auch die Folge einer Nicht-Entscheidung: den kompletten Verlust der Wettbewerbsfähigkeit.
Weil du hinschaust und die volle Wirkung siehst, werden deine Entscheidungen besser. Du wägst ab, was auf dem Spiel steht. Deine Verantwortung trifft auf deine Klarheit. Wenn du die Klarheit hast — die volle Wirkung kennst und alles abgewogen hast — kannst du auch die Verantwortung übernehmen. So wie Marie Jaroni ihre Verantwortung angenommen und eine Entscheidung getroffen hat: „Am Ende dieser Reise wird ein Unternehmen stehen, das überlebensfähig ist.“ [1]
Mit deiner Klarheit wird aus der Rechtfertigung eine Begründung. Du spürst festen Boden unter den Füssen und stellst dich deiner vollen Verantwortung. Marie Jaroni fuhr von Betriebsversammlung zu Betriebsversammlung. Sie wusste, warum sie dort war. Das ist der Unterschied.
Das ist echte Verantwortung. Nicht die Entscheidung selbst. Sondern auch dann da zubleiben, wenn die Wirkung deiner Entscheidung greifbar wird. Das ist kein Trost. Das ist Kraft. Du hast alles bedacht. Du hast dich hinter nichts versteckt.
Entscheidungen, die du in Anerkennung der vollen Wirkung triffst, werden glaubwürdig. Alle spüren: Sie sieht, was ihre Entscheidung auslöst. Sie sieht mich. Dieses Verständnis ist keine Zustimmung. Aber es ist der Unterschied zwischen einer bewussten Entscheidung — und einer, die du vollstreckst. Du entscheidest, wie du die Vorgabe der Zentrale umsetzt. Du entscheidest, welche Konflikte du klärst. Du entscheidest, wie du vor deinem Team stehst.
Auch ich habe das erlebt, wenn auch weniger dramatisch als bei Marie Jaroni. Natürlich hätte auch ich lieber auf die sperrige Staffingplattform verzichtet. Doch die Entscheidung war gefallen — und mein Job war es, sie umzusetzen. Mir wurde klar: Wenn ich diese Entscheidung zu meiner mache und die Verantwortung annehme, den Einführungsprozess gut zu gestalten, kann ich sie dem Team glaubwürdig nahe bringen. Das war keine Zustimmung. Das war Urheberschaft — trotz Fremdentscheidung.
Das Spannungsfeld zwischen deinem Einfluss und deiner Wirkung ist real. Du kannst es nicht auflösen. Reife Macht bedeutet nicht, dieses Spannungsfeld zu eliminieren. Sie bedeutet, es auszuhalten — und handlungsfähig zu bleiben.
Wenn du aufhörst, Zuschauer deines eigenen Handelns zu sein,wird das Gewicht auf deinen Schultern nicht leichter. Aber es erdrückt dich nicht mehr. Denn du weißt: Du selbst hast die Entscheidung getroffen, wie du dieses Gewicht trägst.
Reife Macht löst das Spannungsfeld nicht auf.
Sie hält es aus — und handelt trotzdem. Aus Klarheit. Nicht aus Selbstschutz.
Nimm ein leeres Blatt. Zeichne vier konzentrische Kreise. Beschrifte sie von innen nach außen: Control. Influence. Concern. Impact. Wähle eine Entscheidung der letzten Wochen — eine, bei der du gespürt hast, dass Einfluss und Wirkung auseinander gefallen sind. Und fülle die Kreise:
Schau dir die vier Kreise an. Wo ist deine Wirkung größer als dein Einfluss? Wie groß ist die Lücke? Und stell dir dann die eine Frage:
Welche Entscheidung der letzten Woche trägst du vollständig — und bei welcher Entscheidung hast du dich innerlich versteckt?
Jetzt wendest du den Blick nach vorne. Nimm eine Entscheidung, die vor dir liegt und geh die folgenden fünf Schritte.
Schritt 1: Problem verstehen. Worum geht es hier eigentlich? Eine eigene Entscheidung mit weiterreichender Wirkung? Eine Fremdentscheidung, für die du einstehen musst? Ein Entscheidungsvakuum, das sich füllt — mit oder ohne dich? Benenne es klar. Ohne Beschönigung.
Schritt 2: Wirkung verstehen. Nicht nur die direkte Wirkung. Sondern auch die Kreise, die sie zieht. Wer ist betroffen, den du nicht mal kennst? Was passiert in den Teams, den Familien, den Systemen jenseits deines Einflusses? Was passiert, wenn du nicht entscheidest? Sei ehrlich mit dir.
Schritt 3: Wirkung annehmen. Mache die Wirkung zu deiner — auch wenn sie jenseits deines Einflusses liegt. Was kannst du wirklich tragen — und was nicht? Wo liegt deine Grenze? Das ist keine moralische Prüfung. Es ist eine ehrliche Verortung. Und wenn die Diskrepanz zu groß für dich ist: Benenne sie — auch mit dem Preis, den das für dich hat.
Schritt 4: Bewusst entscheiden. Triff eine Entscheidung — mit der inneren Klarheit über ihre Wirkungen. Wenn andere bereits die Entscheidung über das „ob“ getroffen haben: Entscheide, wie du das „Wie“ der Umsetzung beeinflussen kannst. Mach die Entscheidung und die Wirkungen zu den deinen.
Schritt 5: Als Urheber kommunizieren. Kommuniziere deine Entscheidung klar und zeige deine Urheberschaft: Ich habe dieses aus jenen Gründen entschieden. Vergiss, was du eigentlich wolltest. Vergiss,dass andere die Entscheidung getroffen haben. Sei ganz klar. Das ist meine Entscheidung. Dein Team, deine Stakeholder, deine Vorgesetzten hören den Unterschied — auch wenn sie ihn nicht benennen können.
Mache diese fünf Schritte zu deiner persönlichen Entscheidungsroutine. Nicht für jede kleine Entscheidung. Aber für jede, beider du spürst: Hier steht mehr auf dem Spiel, als ich kontrollieren kann. Entwickle eine Haltung der radikalen Urheberschaft.
Reife Macht stellt sich der Wirkung ihres Tuns.
Unreife Macht versteckt sich vor ihr.
Eigenverantwortung beginnt bei dir. Eigenverantwortung kennt du. Nur nicht für dich selbst. Warum das der blinde Fleck der meisten High Performer ist — und wie du das ändern kannst.
Schluss mit der Flucht aus der Verantwortung. Wenn du zu viel übernimmst oder Schuld verschiebst: Internalisierung & Externalisierung kosten dich Führung. So gewinnst du sie zurück.
Gib endlich deine Verantwortung ab! Verantwortung abgehen! Die Superpower erfolgreicher Leader. Und mit der richtigen Technik viel leichter als du denkst!
[1] Marie Jaroni, zitiert nach: DIE ZEIT, Nr.55/2025. https://www.zeit.de/2025/55/marie-jaroni-thyssenkrupp-steel-vorstandschefin-stellenabbau